Ein Zwilling - Eins

 

Ich habe oft Angst.

Schon immer.

Ich weiß nicht wovor.

Vielleicht vor der Einsamkeit.

Mein Bruder hat niemals Angst,

vor nichts und niemanden.

Er erfindet gerne Geschichten.

Er hat für mich eine Geschichte über ein Zwillingspaar geschrieben.

Eins: So heißt die Geschichte.

 

Zwillingsbrüder, die sich zum Verwechseln gleichen.

Seit ihrer Geburt wurde es verheimlicht:

Sonst hätten die Mächtigen einen genommen:

Als Soldat.

Niemals hat jemand beide zu Gesicht bekommen.

Niemand jemals beide gleichzeitig.

Und nach dem frühen Tod der Eltern haben sie weiterhin

so gelebt:

Zwei Menschen.

Aber nur ein Gesicht, eine Identität:

Ein Leben.

Niemand kann einen Unterschied erkennen.

Sie sind eins.

Sie teilen alles.

Gemeinsam sind sie glücklich.

Nur gemeinsam sind sie ganz.

Jeder lebt ein halbes öffentliches Leben,

sie sind daran gewöhnt einander alles detailliert zu

berichten.

Sie gingen abwechselnd zur Schule,

haben eine gemeinsame Wohnung.

Einen Job.

Ein Auto.

Einen Führerschein, den nur einer gemacht hat.

Einen Reisepass.

Die gleichen Interessen,

die gleichen Hobbys.

eine gemeinsame Garderobe,

denselben Harrschnitt.

 

Sie teilen sich dieselben Frauen.

Im Lauf der Jahre begannen sie auch immer mehr

gleich zu denken, gleich zu fühlen.

 

Es sind nur einzelne Wesenszüge,

kleine Charakterabweichungen,

die sie unterscheiden.

Deswegen gilt der eine,

der sie nach außen - für die Welt - sind,

als launisch, manchmal auch unberechenbar.

Würde einer der beiden in ihrer Abgeschiedenheit sterben,

es würde nur ein Mensch wissen,

nur ein einziger Mensch je erfahren:

Die Welt würde niemals die Wahrheit erfahren.

 

Doch dann kommt einer der beiden ins Gefängnis,

schuldlos, und stirbt dort kurze Zeit später.

Und als es der andere nach tagelangem Warten endlich erfährt,

bricht ihm sein Herz.

Und erst da begreift er,

dass er ohne den einen nicht weiterleben kann:

Dass er ohne den einen nicht halb ist,

sondern gar nicht.

Er kann sich verstecken, verschwinden, verrecken.

Oder er kann versuchen das Ganze aufzuklären.

Doch sie würden ihm nicht glauben.

Sie würden glauben, dass er wiederauferstanden ist:

Weil sie das glauben wollen.

Weil sie immer glauben wollen.

Weil sie das brauchen.

Oder sie würden ihn töten.

Aus Angst. 

 

Lang sitzt er in ihrer Wohnung und denkt nach.

Am Ende beschließt er:

Die Welt soll niemals die Wahrheit erfahren.

Er nimmt die Pistole, die sein Bruder gekauft hat.

Zur Sicherheit. Oder auch für alle Fälle.

Er packt ein paar Sachen,

wartet bis es dunkel ist,

dann bricht er auf.

Er geht in den Wald, tief hinein,

sammelt trockenes Holz, stapelt es.

Er setzt sich auf den Stapel und wartet still bis es dämmert.

 

Die Dämmerung:

Es war ihre gemeinsame Stunde,

der Zeitpunkt des Übergangs, der Übergabe,

der Zeitpunkt des Aufbruchs und der letzten Wiederkehr,

des Wechsels vom Licht in den Schatten,

vom Sein zum Nichtsein.

Oder zurück.

 

Als der Himmel endlich zu zeichnen beginnt und es von Osten her langsam hell wird richtet er sich auf.

Durch die Bäume bricht das erste Licht.

Kalt ist es und totenstill.

Noch unsichtbar steht die Sonne hinterm Horizont.

Heißer Stern am kalten Himmel.

Kugelrot verbrennt sie die Dunkelheit,

wie die Liebe die Einsamkeit.

Mit einem sanften Lächeln

denkt ein letztes mal an seinen Bruder,

sein Spiegelbild,

ganz fest und voller Liebe,

übergießt sich mit Benzin,

zündet ein Streichholz,

lässt es fallen,

und gerade bevor die Flammen seine Beine erreichen,

presst er die Pistole an seine Brust,

genau dorthin,

wo früher - bevor es brach - sein Herz geschlagen hat,

und drückt ab.

Er wurde niemals identifiziert:

Die Welt hat niemals die Wahrheit erfahren.

 

Die Geschichte gefällt mir.

Wenn ich an die Beiden denke,

habe ich keine Angst mehr.

 

***

 

 2006